Nachdenkstoff

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Religiöses Denken im Alltag beobachtet

Posted by Holger - 12 Mai 2009

Heute war ich mit dem Fahrrad unterwegs und überholte dabei eine Gruppe Jugendlicher, die offensichtlich mit Zelten und dicken Radtaschen beladen eine längere Tour machten. Die Jugendlichen waren schätzungsweise zwischen 12 und 15 Jahren und wurden von zwei Erwachsenen (Betreuern?) begleitet.

Wir kamen am Gerichtsgebäude vorbei. Der eine Erwachsene, ein Mann ca. Mitte 30, erklärte: „Wenn ihr Scheiß‘ macht kommt ihr hier hin, vor den Richter, und der sagt dann: ‚ab in den Knast‘!“
(Originalzitat)

An der nächsten Ampel standen wir nebeneinander und ich nutze die Gelegenheit, den Mann anzusprechen. Ob man nicht auch andere Aspekte des Gerichts hätte betonen können, z.B. dass die Demokratie faire Rechtsprechung fordert. So klingt es doch erst mal nur angstmachend: baust du Scheiß geht es ab in den Knast. (Zudem kenne ich viele Beispiele, bei denen man nur dann in den Knast kommt, wenn der Scheiß, den man baut, nicht groß genug ist – aber das ist ein anderes Thema.)
Mein Gesprächspartner antwortete, man müsse die Sache verkürzen und in der Sprache der Jugend reden. Ich wiederum zitierte Goethe: Wer andere behandelt wie sie sind, macht sie kleiner. Wer sie behandelt wie sie sein könnten, macht sie größer.

Einer spontanen Eingebung folgend frug ich, wohin denn die Reise ginge und ob es eine organisierte Gruppe sei. Ich hatte richtig vermutet: die Jugendlichen waren auf dem Pilgerweg nach Compostella (natürlich Compostella), organisiert von einer katholischen Jugendeinrichtung.

Ich hatte es mir gedacht. Wie ich darauf gekommen war? Ganz einfach: ich hatte den einen Satz, den der Betreuer den Jungen zugerufen hatte, durch Kleinigkeiten verändert – und da kam er mir bekannt vor: „Wenn ihr Scheiß‘ macht kommt ihr vor den höchsten Richter, und der sagt dann: ‚ab in die Hölle‘!“

Das gleiche Prinzip. Da passt der Hinweis auf Rechtstaatlichkeit natürlich nicht. Da muss man die Sache verkürzen auf das, was (dem Katholiken) wirklich wichtig ist: füge dich, sonst wirst du bestraft!

Mir selbst fallen genug Situationen ein, in denen es sinnvoll und ethisch vertretbar ist, aus der Rolle zu fallen und sich nicht zu fügen. Und nicht immer wird man bestraft. Und manchmal wiederum wird man bestraft, obwohl man die zur Last gelegte Tat gar nicht begangen hat. Da sind mir rechtsstaatliche Prinzipien allemal lieber als ein eifersüchtiger Gott, der am jüngsten Gericht die Sünder den Folterknechten zum Fraß vorwirft. Aber man muss ja in der Sprache der Jugend reden, wenn man ihnen Angst vor abweichendem Verhalten machen will. Ich hab’s kapiert.

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