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Mail an Jakob Augstein, Verleger der Zeitung „der Freitag“

Posted by Holger - 26 Februar 2009

„Scheußlich“ – das war das erste Wort das mit durch den Kopf ging, als ich das neue Layout einer Wochenzeitung sah, die ich seit ca. 18 Jahren abonnierte. In dieser Zeit habe ich manche Veränderung erlebt. Jetzt jedoch ist die linke Wochenzeitung meinem Dafürhalten zerstört worden. 

„Scheußlich“ war dann auch das Wort, dass ich Jakob Augstein, dem neuen Eigentümer des „der Freitag“s in das Kontaktformular schrieb; nicht erwartend, dass er mit einer kurzen Mail darauf antworten würde. Layout sei Geschmacksache, meinte er, über Inhalte streite er gerne. 

Vier Wochen habe ich sein neues Konzept geprüft – und ihm heute dann mit dieser Mail erneut geschrieben:

Sehr geehrter Herr Augstein,

vielen Dank für Ihre Antwort.

„Scheußlich“ hatte ich Ihnen ins Kontaktformular geschrieben. Und richtig: das betraf erst einmal das Layout. Es war meine unmittelbare Reaktion, als ich den neuen Freitag erstmals in den Händen hielt.

Sie meinen, das Layout sei Geschmackssache. Das ist schnell dahin gesagt. Fraglich ist, ob diese Annahme korrekt ist. Denn es geht bei Form nicht nur um äußerlichen Ästhetizismus, sondern bekanntlich wirken Form und Inhalt ineinander. Sie mögen das an dieser Stelle bezweifeln. Diskutierten wir hingegen über die Architektur der NS-Zeit, wären Sie sicherlich eher geneigt, die Verbindung von Form und Inhalt zu erkennen.

Ich bin Abonnent des Freitags seit nunmehr fast 18 Jahren. Wenn ich es richtig rekapituliere, beziehe ich den Freitag Woche für Woche seit 1991. Die erste Ausgabe kaufte ich ca. ein halbes Jahr nach der Gründung. Niemals in der ganzen Zeit spielte ich mit dem Gedanken, das Abo zu kündigen. Auch nicht in Zeiten, in denen es mir wirtschaftlich mies ging. Heute nun habe ich mein Abo gekündigt. Nicht aus finanziellen Gründen.

Falls es Sie interessiert, warum ich Ihrem Magazin den Rücken kehre, lesen Sie weiter.

Sie bieten mir in Ihrer Mail an, über den Inhalt zu streiten. Da gibt es nichts zu streiten. Sie haben aus der Wochenzeitung Freitag ein neues Blatt gemacht. Dieses Recht steht Ihnen als Finanzier zu. Und ich bin überzeugt: wirtschaftlich werden Sie damit erfolgreich sein. Doch der Freitag, den Sie da „in Sichtweite der Küste“ gebracht haben, ist nicht identisch mit dem Freitag, den ich seinerzeit abonnierte. Es ist ein völlig neues Produkt. Ein Produkt, das meine Zustimmung nicht erhält. Um in Ihrem Bild zu bleiben: auf hoher See haben Sie den „alten“ Freitag absaufen lassen, um ein neues, poppiges Boot mit (fast) dem selben Namen zu versehen, das nun in Küstennähe umher kreist und um Aufmerksamkeit buhlt.

Ich brauche kein „Meinungsmedium“. An Meinungen mangelt es nicht. Jeder dahergelaufene Trottel hat Meinungen. Was ich am Freitag (und damit meine ich den FREITAG, nicht Ihr Blatt) schätzte, war, dass ich mit sauber recherchiertem Hintergrundwissen versorgt wurde. Dass es nicht ausschließlich um Schnelligkeit und Aktualität ging, dass nicht jeder durchs Dorf getrieben Sau ein Artikel gewidmet wurde, sondern dass sich die Journalisten Zeit lassen konnten, eben nicht nur ihre Meinung, sondern ihre ganze Fachkompetenz an den Tag zu legen.

Noch weniger als ein Meinungsmedium benötige ich einen Papier-Blog. Bloggen ist ja geradezu das Paradebeispiel inhaltloser Meinungsvervielfältigung. Viele fühlen sich berufen, ihre persönliche Sicht der Dinge an die große virtuelle Zettelwand zu hängen und glauben, damit journalistische Glanzleitungen zu vollbringen. Dem Freitag tat es gut, sich davon sehr weit entfernt zu halten. Sie haben das Geschwätz der Blogosphäre in die Zeitung geholt und damit die Inhalte in Beliebigkeit ertränkt.

Dazu passt (siehe Zusammenwirken von Form und Inhalt) die Häppchenkultur, die Sie ebenfalls integriert haben. Meinungsblogger haben nämlich eigentlich nicht viel zu sagen. Das ist in kurzen, schnell konsumierbaren, pointierten Sätzen erledigt. Sie präsentieren ein Buffet an Meinungen. Und ich hätte lieber ein vollständiges, inhaltsreiches Gericht. Von richtigen Köchen zubereitet und nicht von Kochhilfen im Google-Schnellverfahren heiß gemacht.

Manches gleitet geradezu ins Absurde. Was sollen beispielsweise die Shopping-Tipps auf der letzten Seite? Wem wollen Sie damit gefallen? Ist das Infotainment? Oder pure Unterhaltung? Journalismus werden Sie dieses Alphabet der Belanglosigkeiten doch wohl hoffentlich nicht nennen.

„Community“, wie Sie die Mitmacher Ihres Mitmachmeinungsmediums nennen, scheinen Sie mit Demokratie zu verwechseln. Oder vielleicht auch bewusst als scheindemokratische Marketingaktion einzusetzen. Ihre Absichten kenne ich nicht; schließlich kann ich nicht in Ihren Kopf hinein gucken. Die Tatsache, dass Sie innerhalb der Redaktion eine stärkere Hierarchie eingeführt haben, lässt mich jedoch bedenklich werden. Bisher kam die Redaktion ohne Chefredakteur aus; das haben Sie geändert. Einerseits holen Sie viele Meinungsredner mit an Bord, andererseits werden Strukturen, die eine Kultur der Vielseitigkeit haben gedeihen lassen, zerstört.

Nachdem ich vier Ausgaben Ihres Meinungsmediums studierte kann ich sagen, dass Sie eine Zeitung mit Auseinandersetzungskultur auf hohem Niveau und eine dezidiert linker, antikapitalistischer, strukturkritischer Position in ein Blatt der linksgefühlten Geschwätzigkeit verwandelt haben. Noch finden sich ein paar Perlen. Noch sind ja auch Mitarbeiter/innen des alten Freitags mit an Bord. Doch diese Perlen zu genießen verlangt mir zu viel Stress ab in dem grellen Häppchen-Infotainment, auf das Sie wohl zusteuern möchten. Mein Abo läuft noch ein paar Monate. In dieser Zeit werde ich mir die ein oder andere Perle noch herausfischen. Ich wage die Prognose, dass ich in dieser Zeit auch miterleben werde, wie bisherige Freitag-Mitarbeiter, die ein hohes Maß an Engagement und Identifikation an den Tag legten, Ihrem Meinungsmedium den Rücken kehren werden. Eine kühne Prognose, ich weiß. Wir werden es ja erleben. Schön für Sie, wenn ich mich täuschen solle. Über den bislang bezahlten Zeitraum hinaus werde ich „derFreitag“, wie Ihre Zeitung jetzt heißt, jedoch nicht in meinem Haus haben wollen.

Und wenn ich Meinungen lesen oder bloggen will dann logge ich mich ohnehin lieber direkt ins Internet ein. Dort werde ich auch diese Mail hinterlegen; auf meiner Meinungsseite, meinem Zettel am virtuellen Schwarzen Brett. Ja, Herr Augstein, ich blogge auch. Was uns beide unterscheidet: ich mache nicht gleich eine Zeitung daraus.

Mit freundlichem Gruß,
H. Faß

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3 Antworten to “Mail an Jakob Augstein, Verleger der Zeitung „der Freitag“”

  1. augstein said

    Lieber Herr Faß,

    wollen Sie denn nicht, wenn Sie schon Ihren eigenen langen Brief an mich hier veröffentlichen, in dem Sie den neuen Freitag kritisieren, auch meine Antwort dazustellen, die ich Ihnen am 27.2. geschrieben habe? Oder ist das zu viel Debatte in einer Sache, in der Sie meinen, nicht mehr debattieren zu müssen.
    Ist nur ein Angebot.
    Viele Grüße,
    Ihr JA

  2. Holger said

    Lieber JA,

    gerne veröffentliche ich hier Ihre Mail.

    Ich habe es nicht getan, weil Sie mir Ihre Antwort privatim an meine Mailadresse geschickt hatten. Daraus ergabt sich nicht zwangsläufig, dass Sie eine Veröffentlichung im Internet wünschen oder einer solchen zustimmen.

    Hätte ich Ihren Brief einfach hier veröffentlich, hätten Sie mich womöglich zur Rechenschaft gezogen, warum ich einen internen Schriftwechsel von Ihnen hier einstelle. So oder so, egal wie ich mich entschied: der Schwarze Peter würde mir zugeschoben.

    😉

    Da Sie jetzt expressis verbis darum gebeten haben komme ich Ihren Wunsch gerne nach und ich freue mich darüber, dass Sie es gestatten. Denn Ihr Reponse belebt die Diskussion und ist sicherlich für die Mitlesenden interessant. Vielen Dank dass Sie es gestatten. Ihre Mail vom 27.2. finden Sie weiter unten hier herüber kopiert – jedes Wort steht so dort, wie ich es von Ihnen erhalten habe.

    Dass ich auf Ihre Mail nicht mehr geantwortet habe, was Sie wohl als meine Meinung „nicht mehr debattieren zu müssen“ interpretieren, hängt damit zusammen, dass ich nach der Lektüre Ihrer Mail keine neuen Anhaltspunkte für ein weiterführendes Gespräch gefunden habe.

    Aufschlussreicher als Ihre Mail vom 27. Februar finde ich vielmehr die „der Freitag“-Ausgaben selbst, die ich ja noch erhalte und auch lese (das Abo läuft ja noch, wenn auch bereits gekündigt).

    So wird mir beispielsweise zunehmend deutlich, dass mir die Praktikantenphilosophie, die Sie in die Redaktionsstuben geholt haben, unangenehm, wenn nicht gar zuwider ist. Sie fordern unter dem Ruf, jeder habe etwas zu sagen auf, mitzumachen, mitzuschreiben – und stellen die Veröffentlichung in der Printausgabe als Gewinn in Aussicht. Praktikantenphilosophie nenne ich das deswegen, weil Sie im Prinzip auf unbezahlte Arbeit freier Journalisten zurückgreifen, die sich die Hoffnung machen, dadurch an bezahlte Aufträge heran zu kommen. Wie bereits in meiner ersten Mail gesagt: wirtschaftlich sehe ich Sie mit Ihrem Projekt auf Erfolgskurs. Doch was unterscheidet den „der Freitag“ an dieser Stelle von der Bild-Zeitung, die ihrerseits die Leser auffordert, „Bild-Reporter“ zu werden. Auch diese Leserinnen und Leser wurden ermutigt, sich zu beteiligen und eine Veröffentlichung ihrer (bisweilen presserechtlich fragwürdigen) Fotos als Gewinn in Aussicht gestellt. Ich sehe hier strukturell keinen Unterschied zu Ihrem Angebot.

    Man kann das Bezahlsystem in dem wir leben durchaus kritisieren – nicht zuletzt ist es linke Tradition, dies zu tun. Die Arbeit (zum Beispiel das Schreiben journalistischer Beiträge) zu belassen, sie aber nicht mehr zu bezahlen, war jedoch bereits in der Vergangenheit keine adäquate Lösung, um dem Bezahlsystem Paroli zu bieten. Eine abschließende Meinung habe ich mir noch nicht gebildet, aber ich frage mich, ob Ihre Vorgehensweise nicht eine Form der versteckten Ausbeutung ist, die ich verwerflich finde.

    Damit sich die Mitlesen nun ein Bild von Ihrer Sichtweise machen können, hier nun also Ihr Schreiben vom 27. Februar diesen Jahres. Für Ihre Mühe, es aufzusetzen und mir zu schicken möchte ich mich an dieser Stelle bedanken.

    Mit freundlichem Gruß,
    H. Faß

    * * * * * * * * *

    Serh geehrter Herr Fass,
    haben Sie freundlichen Dank für Ihren Brief.
    Auch wenn wir unterschiedlicher Ansicht sind über Kurs und Gestalt des
    Freitag,
    freue ich mich darüber, dass Sie mir schreiben.
    Es ist nämlich keineswegs so, dass ich – oder einer von uns hier – den
    Anspruch erhebt,
    die Weisheit gepachtet zu haben, über die allein richtige Antwort zu
    verfügen.

    Also: Wir wollen hier zwei Dinge machen – eine publizistische
    Leerstelle füllen und
    auf die strukturellen Veränderungen im Journalismus reagieren.
    Die publizistische Leerstelle: Es gibt kein modernes relevantes
    linkes / linksliberales Medium in Deutschland.
    Die SZ, die Zeit, der Spiegel waren das früher. Aber sie haben sich
    aus wirtschaftlichen oder politischen in eine
    andere Richung entwickelt.
    Die strukturelle Veränderung im Journalismus: Die Printmedien sind in
    einer Krise, die nicht mehr weichen
    wird. Die Anzeigen brechen weg. Das Internet verändert das
    Nutzungsverhalten der Menschen.

    Darum haben wir den Freitag so verändert und entwickelt: Wir wollten
    ihn mehr Menschen zugänglich machen als bisher.
    Und wir wollten ihn auf eine sinnvolle Art und Weise mit dem Netz
    verknüpfen.

    Das muss Ihnen nicht gefallen – aber mir ich wichtig, dass Sie das
    Anliegen richtig verstehen.
    Das Layout soll das Blatt öffnen. Der Freitag hatte ein sehr
    klassisches, zurückgenommenes Layout.
    Er sah ein bisschen so aus, wie die Zeit in den 80er Jahren. Sehr
    grau, sehr streng, ein bisschen kalt.
    Ich glaube, dass die kleine Auflage auch damit zusammen hing, mit
    dieser Verschlossenheit.

    (Und mit dieser kleinen Auflage war die Zeitung nicht lebensfähig.
    Darum haben die alten Eigentümer
    sie verkauft.)

    Natürlich spielen Layout und Inhalt zusammen: Wir setzen auf
    Kontroversen und Unterscheidbarkeit.
    Darum haben wir die Kontraste erhöht, die Schwarz-Weiß-Werte.

    Ihre grundsätzliche Kritik am Internet – bzw den Bloggern – kann ich
    nicht teilen.
    Es ist eben so wie immer mit Menschen: Manche haben etwas zu sagen,
    andere nicht.
    Wir geben denen, die etwas zu sagen haben, ein Forum. Wir wählen das
    ja aus. Ich weiß nicht, ob Sie Gelegenheit
    hatten, sich auf unserer Seite im Netz ein bisschen umzugucken.
    Dort sehen Sie, dass wir gar nicht so viele Leserbeiträge nach vorne
    in den redaktionellen Bereich holen.
    Sondern nur solche, die wirklcih interessant sind. Es gibt Leser, die
    sich in ihren Bereichen besser auskennen,
    als wir. Das ist eigentlich selbstverständlich. Und es gibt Leser, die
    interessante, lustige, bemerkenswerte Ansichten
    haben und diese lesenswert niederschreiben. Ein Text ist ein Text.
    Warum das Misstrauen?

    Die „alte“ Redaktion des Freitag, die Herausgeber und die bisherigen
    Autoren gehen unseren Weg mit weil sie überzeugt
    davon sind, dass es der richtige Weg ist und weil sie gesehen haben –
    nach einer Zeit der Annäherung und des gegenseitigen
    Kennenlernens – dass dieses hier ein gemeinsames Projekt ist, das
    jedem offensteht, der mitwirken möchte. Auch das übrigens
    ein Kennzeichen des Internets – das sich hier ganz grundsätzlich von
    der verschlossenen, machtorientierten Herrschaftswelt der Zeitung
    unterscheidet.
    (Die Hierarchie, die wir hier eingeführt haben, ist eine
    Organisations- und Handlungshierarchie – keine Entscheidung- oder
    Meinungsshierarchie)

    Mir liegt viel daran, dass es ebenso gelingt, zwischen den „alten“ und
    den „neuen“ Lesern eine Verbindung herzustellen, wie das bei den
    „alten“ und den „neuen“ Redakteuren auch gelungen ist.

    Mit freundlichen Grüßen,

    Ihr Jakob Augstein

  3. augstein said

    Lieber Herr Faß,
    nur kurz zur Richtigstellung, denn es gibt da offenbar ein Missverständnis.

    Wenn wir im Print-Freitag Texte abdrucken erhalten die Autoren – alle Autoren – das gleiche Zeilenhonorar. Jeder Blogger, der bei uns abgedruckt wird, hat Anrecht auf dieses Zeilenhonorar, das auch die übrigen freien Autoren des Freitag bekommen.

    Das war von Anfang an die Idee, weil es hier eben nicht darum geht, billig an „Content“ heranzukommen. Sondern darum, Leser und Nutzer einzubinden. Und zwar ganz einfach aus dem Grund, weil sie etwas zu sagen haben. Allerdings auch nur dann. Das entspricht meiner Haltung, dass ein Text ein Text ist und es mir vollkommen egal ist, wer ihn geschrieben hat, Hauptsache, er taugt etwas.

    Viele Grüße,
    Ihr JA

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