Nachdenkstoff

Inspirationen, Impulse, Informationen, Interessantes

Bitte mal lesen, was die Kollegen schreiben

Posted by Holger - 15 August 2008

Liebe Journalisten und Redakteure,

dass Sie vornehmlich vorgefertigte Pressemitteilungen kopieren, ohne das Vorgekaute zu hinterfragen oder selbst zu recherchieren (nein: mal einen Begriff bei Google eingeben ist nicht das, was ich unter journalistischer Recherche verstehe), ist leider inzwischen Tagesgeschäft. Als aufmerksamer Leser verschiedener Zeitungen und Zeitschriften, sei es im Print- oder Online-Bereich, fällt das schnell ins Auge.

Heute habt Ihr ja mal wieder „den Vogel abgeschossen“. So hat jemand der Berliner Morgenpost, der wohlweislich seinen Namen nicht nennt, verkündet, „Studie: Öko-Gemüse ist nicht gesünder“. Dank Drag and Drop versteht sich. Oder wie lässt sich sonst erklären, dass ganze Absätze wortgleich in anderen Publikationen erschienen sind? Schämt sich die Redaktion der Berliner Morgenpost nicht dafür, dass sie ihrer Sorgfaltspflicht nicht nachkommt? Oder versteht sie sich gar lediglich als mittelalterlicher Ausrufer, der Texte nur wiedergibt und sonst keine Funktion hat?

Zumindest könnte man sich die Frage stellen, wieso die hier zitierte dänische Studie zu diesem Ergebnis kommt, während andere Vergleichsstudien bestätigen, dass Bio-Gemüse weitaus nährstoffreicher und somit gesünder ist. Ein Kritikpunkt an der dänischen, von der Berliner Morgenpost zitierten Studie könnte sein, dass die Studie nur über einen Zeitraum von zwei Jahren lief. Es hat seinen Grund, warum beispielsweise in Deutschland die Übergangszeiten vom konventionellen Anbau zum Ökolandbau drei Jahre beträgt. Der Boden muss sich erst erholen. Die von der Kopenhagener Universität durchgeführte Studie sagt nichts über Öko-Gemüse aus, sondern bestenfalls über Gemüse, dass auf einer Übergangsanbaufläche gewachsen ist. Man hätte also den Versuch vier oder fünf Jahre laufen lassen müssen, um die letzten zwei Jahre gewissenhaft auswerten zu können. 
Die Ergebnisse, so lässt uns die Berliner Morgenpost wissen, wurden im „Journal of the Science of Food and Agriculture“ veröffentlicht. Man hätte sich auch fragen können, wie es kommt, dass in dem gleichen Magazin bekannt gegeben wird, dass eine Studie nachgewiesen hat, dass Öko-Kartoffeln wesentlich mehr Glykoalkaloide, aber auch deutlich mehr an wertvollen Mineralstoffen (wie z.B. Kalium) enthalten als konventionell angebaute Kartoffeln. 

Aber nein, Ihr deutsche Journalisten kommt gar nicht auf die Idee, das eigene Denken zu (re)aktivieren. Wo es doch so bequem ist, dumm nachzuplaudern, was andere textlich vorgegeben haben.

Ob es wohl was helfen würde, wenn Sie sich umschauten, was die Kolleginnen und Kollegen so fabrizieren? Dann könnten Sie nachlesen, dass „in den vergangenen zehn Jahren … die Zahl sauerstoffarmer «Todeszonen» in den Meeren um fast ein Drittel zugenommen (hat). Die Ursache dafür sehen Forscher vor allem darin, dass immer mehr Nährstoffe – wie etwa Düngemittel aus der Landwirtschaft – über Flüsse in die Meere gelangen.

Jetzt heißt es 1 + 1 zusammenzählen.
Gelingt Ihnen das?

Können Sie dann noch guten Gewissens ihre drastisch ausformulierte Warnung („Biogemüse wird meisten mit Naturdünger behandelt – mit Ausscheidungen von Tieren also, die Salmonellen und Darmbakterien enthalten können. Die Durchfallerreger sitzen nicht nur außen auf Salat, Tomaten und Sprossen, sie dringen auch in die Pflanzen ein.„) aufrecht erhalten? Böse Kack-Bazillen im Bio-Salat! Wer mag da noch zugreifen? Was scheren uns schon die Weltmeere? Sollen sie sich doch in eine stinkende Kloake verwandeln. Wir leben schließlich auf dem Land!

Machen Sie endlich mal Ihre Arbeit!

Ein genervter Leser

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