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Was ist Freude?

Posted by Holger - 12 Juni 2008

Irgendeine Fußballgruppe hat ein Spiel gewonnen. Auf der Straße beginnt ein Lärmen und Getöse. Ich betrachte mir das Treiben. Stoßstange an Stoßstange fahren, sofern sie können, Autos mehr und mehr die Hauptstraße unseres Stadtviertels rauf und runter. An den Autos die Nationalflaggen eines Landes zahlreich. Die Autos fahren die ca. 3 Kilometer lange Straße hinauf und wieder hinunter und wieder hinauf und wieder hinunter; Kreisverkehr. Der Zweck des Fahrens: Hupen und Fahnenschwenken.

Ich wundere mich: sind das nicht die Leute in den Autos, die sich sonst über die hohen Benzinpreise echauffieren? So teuer scheint Kraftstoff nicht zu sein, wenn man es für belangloses Hupen und Fahnenschwenken verschleudern kann. Diese Autofahrten dienen nicht dazu, von A nach B zu kommen. Diese Autofahren dienen dazu, Auto zu fahren. Selbstgefälliger Selbstzweck. Sinnloses Autofahren ist offenbar bezahlbar. Ist Benzin also immer noch zu billig? Es scheint so.

Die hupenden Autofahrer wollen ihrer Freude um ein gewonnenes Spiel Ausdruck verleihen. Wer hat gewonnen? Sie selbst nicht. Es sind Stellvertreter. Sie haben sich Stellvertreter ausgesucht, die an ihrer statt ein Fußballspiel gewonnen haben. Keines, was die Welt in Atem hält. Irgendeins. Warum brauchen Menschen Stellvertreter, die Anlass ihrer Freude werden? Wenn der 10jährige Nils mit seinen Klassenkameraden auf dem Pausenhof der Schule kickt und ein Spiel gewinnt, freut er sich. Direkt. Er selbst hat ein Tor geschossen. Er freut sich. Ohne Hupen. Es nährt sich der Verdacht, dass den Autofahrern nichts mehr zur selbst geschaffenen Freude bleibt. Sie sind freudlos. Wie erbärmlich bemitleidenswert ihre Abhängigkeit vom Ballspiel anderer. Wenn meine Freude davon abhängig ist, dass mehrer Hundert Kilometer entfernt ein Mensch, den ich persönlich nicht kenne, zu dem ich in keiner persönlichen Beziehung stehe, der seinen Job macht, ein Ball in ein Netz bugsiert, dann bin ich entweder ein bedauernswerter, leerer Tropf oder ein Opfer wirtschaftsgelenkter oder national-politischer Propaganda. So oder so: ich bin fremdgesteuert.

Vielleicht ist der Hup-Lärm ja erforderlich, weil diejenigen, die hupen, nichts getan haben. Sie sitzen und gucken. Danach sitzen sie und hupen. Bekanntlich bellen die Hunde, die nicht beißen, am lautesten. Sanitäter wissen zu berichten, dass diejenigen Verletzten eines Unfalls, die am lautesten schreien, am wenigsten von lebensgefährlichen Verletzungen betroffen sind. Zum Nichtstun verurteilt, zum Zuschauen verdammt – da möchte man schreien, um zu zeigen, dass man auch noch auf der Welt ist.

Es sind Angshasen, die da hupend über die Hauptstraße fahren. Sie verbarrikadieren sich hinter Blech. Nicht viel anders als die römischen Legionäre vor 2000 Jahren. Blech, das schützen soll. Es sind Angsthasen, die viel Lärm machen müssen, um ihre eigene beängstigende Unbedeutsamkeit zu übertönen. Wie Kinder, die laut singend in den Keller hinabsteigen, um sich so selbst Mut vorzugaukeln.

Wer seine Identität in sich selbst nicht findet, persönlichkeitsleer ist, der ummantelt sich mit Blech, schweißt sich ein, und tönt, um seine eigene Angst vor der Leere des eigenen Lebens anderen an den Kopf zu schmeißen. Was Freudenschreie sein sollen ist nicht einmal ein Kampfgeheul; es sind kümmerliche Hilferufe: „Ich bin doch auch noch da. Sieht und hört mich denn keiner?“
Ich bemerke beim Betrachten der Szenerie, wie Mitgefühl in mir aufsteigt. Diese Menschen, denen man gezeigt hat wie „Freude“ auszusehen habe, diese Menschen, die sich so sehr danach sehnen, bedeutsam zu sein, diese Menschen, die sich zur Passivität verdammen lassen, diese Menschen lösen in mir Traurigkeit und Mitgefühl aus. Sie könnten glücklich sein. Doch zum Glücklichsein braucht es einen Moment lang ein bisschen Mut. Und genau der fehlt ihnen.

Ich werde sie in meinen Meditationen und Gebeten mit aufnehmen.

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Eine Antwort to “Was ist Freude?”

  1. feierfinger said

    Rundherum Autos, die ekstatisch hupend von ihren Fahrern, die wie die Puppen in einem Marionettentheater an den Fäden der Selbstgefälligkeit hängen, die Straßen rauf und runter geführt wurden.

    Jungs, Jungs nehmt Euch doch mal am Riemen! Was ihr da treibt ist bloß Lärmbelästigung!

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