Nachdenkstoff

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Wie man Angst schürt

Posted by Holger - 29 März 2008

Oder: Wie Journalisten eine Belangslosigkeit in einen reißerischen Artikel verwandeln

web.de / gmx verkünden heute in ihrer Nachrichten-Rubrik „Anschlag auf Fußball-WM 2006 vereitelt“! Das klingt nach Terror – und natürlich nach Sicherheit. Oder etwa nicht? Die Öffentlichkeit habe man bewusst nicht informiert, soll der bayerische Innenminister Joachim Herrmann gesagt haben, um Panikreaktionen in der Bevölkerung zu vermeiden. Wer weiß: vielleicht sind ja auch jetzt Anschläge geplant. Die Bevölkerung wird offensichtlich nicht oder erst zu spät informiert. Statt Sicherheit verbreitet der Artikel schon am Anfang Angst.

Doch schauen wir uns mal genauer an, welcher terroristische Anschlag bei der Fußball-WM eigentlich unterbunden werden konnte. Ich zitiere aus dem Artikel: „ein einzelner Mann … habe sich damals im Bereich der Allianz-Arena in München auffällig verhalten“. Mir fallen tagtäglich einzelne Männer, ja ganze Horden von Männern auf, die sich „auffällig verhalten“ – dazu muss ich lediglich vor die Tür gehen oder Nachrichten schauen. Nun gut: ein einzelner Mann also.
Aufgrund seines „auffälligen Verhaltens“ wurden seine Personalien überprüft. Da es sich um einen 31jährigen Iraker handelt, blieb es nicht bei der Personalien-Überprüfung. Es heißt, die Polizei habe ihn „intensiv überprüft“ (was immer das auch bedeuten mag).

Was dabei heraus kam, wird in der Mitteilung des bayerischen Innenministeriums wie folgt formuliert: „In seinem unmittelbaren Umfeld waren Anhaltspunkte festgestellt worden, die den konkreten Verdacht begründeten, dass dieser sprengstoffverdächtige Gegenstände besitzen könnte“ – ziemlich viel Konjunktiv. Noch mal dieser zentrale Satz, versehen mit meinen Anmerkungen. Bitte bedenken Sie: hier wurde ein terroristischer Anschlag vereitelt!
„In seinem unmittelbaren Umfeld…“ – also nicht er selbst, sondern andere
…“waren Anhaltspunkte festgestellt worden,…“ – also nur Anhaltspunkte, Vermutungen; nichts genaues weiß man nicht
„…die den konkreten Verdacht begründeten,…“ – eine Vermutung (Anhaltpunkt) ergab lediglich eine weitere Vermutung (Verdacht)
„…dass dieser sprengstoffverdächtige Gegenstände…“ – also nicht etwa Sprengstoff, sondern nur „sprengstoffverdächtige Gegenstände“, wie z.B. eine Rolle Haushaltsdraht
„…besitzen könnte…“ – könnte! könnte! Mit anderen Worten: man weiß nicht einmal ob der Überprüfte selbst oder in dem Umfeld des Irakers andere Personen besagte Haushaltsdraht wirklich besessen haben. Sie könnten aber dergleichen besessen haben, wenn man die Vermutung anstellt, dass sie es hätten haben können.

Puh… das nenne ich echte Gefahrenabwehr!

Damit nicht genug. Das Ministerium lässt weiter mitteilen: „Dieser Verdacht habe sich aber nicht bestätigt“.
Wie bitte? Jetzt haben wir alles so schön zur terroristischen Gefahr hingebogen und dann erweist sich alles als Fehldeutung? Kein Risiko? Aber wie kommt gmx / web.de dann zu der Einschätzung „Anschlag auf Fußball-WM 2006 vereitelt“?

Sollte web.de / gmx einfach eine pankimachende Pressemitteilung des bayerischen Innenministeriums abgedruckt haben, ohne Sinn und Verstand und vor allem ohne kritisches Gegenlesen? Können wir deutschlands Journalistengemeinde so viel Dummheit unterstellen?

Wir können!

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Eine Antwort to “Wie man Angst schürt”

  1. […] https://nachdenkstoff.wordpress.com/2008/03/29/wie-man-angst-schurt/ […]

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