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Ein Schritt ist noch kein Weg

Posted by Holger - 8 März 2008

Ein ungewöhnliches Werbeblättchen, betont schlicht und sachlich, ohne Bilder, ohne Angebote, ohne Preise: Aldi Süd übernimmt Verantwortung, so der Titel.

Worum geht es?

Aldi ist der BSCI beigetreten, der Business Social Compliance Initiative und rühmt sich mit diesem Schritt, sich zu folgendem zu verpflichten:

  • Verbot von Kinderarbeit
  • Verbot von Zwangsarbeit und Disziplinarmaßnahmen
  • Verbot der Diskriminierung jeder Art
  • Menschenwürdige Arbeitszeit- und Überstundenregelung
  • Vorsorge für Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz
  • Löhne, die dem gesetzlichen Mindestlohn bzw. den geltenden Industriestandards entsprechen
  • Versammlungsfreiheit und das Recht auf Kollektivverhandlungen
  • Berücksichtigung von Umwelt- und Sicherheitsfragen
    (alle Punkte zitiert nach dem Aldi-Infoblatt)

Nanu? Wird Aldi ein Sozialprojekt?

Zunächst einmal: wie kommt es dazu?

Dazu muss man wissen, dass sich Aldi einem Druck beugt. Von einer freiwilligen Entscheidung kann kaum eine Rede sein. Zahlreiche Nichtregierungsorganisationen (NGOs), wie z.B. Südwind oder Kampagne für saubere Kleidung (CCC) haben in der Vergangenheit angeprangert, dass soziale und ökologische Mindesstandards nicht eingehalten wurden, wenn Aldi Textilien für den Billigverkauf produzieren liess oder in „Drittweltländern“ einkaufte. All die Textil-Schnäppchen – nur um den Preis von Hungerlöhnen lautete das Motto ihrer Kampagne.

Tatsächlich lässt der Schritt von Aldi, sich den o.g. Mindeststandards zu verpflichten, die Frage offen, ob den Aldi-Verantwortlichen denn zuvor Kinderarbeit etc. am Arsch vorbeigegangen sind (und ich vermute, diese Frage muss bejaht werden). Tatsächlich haben Recherchen ergeben, dass Menschenrechte und ökologische Belange keine Rolle bei dem Textil-Einkauf spielten. So kommt eine Kommission, die fünf Aldi-Zulieferer Kleiderfabriken in Jiangsu (China) besuchte zu dem Schluss: Die Arbeitsrechtsverletzungen, die in diesem Bericht beschrieben werden, gehen über das bisher für chinesische Fabriken bekannte Maß hinaus. Neben den schon häufig festgestellten überlangen Arbeitszeiten, Löhnen unterhalb der gesetzlichen Mindestgrenze und Gewerkschaftsrepression enthält dieser Bericht Aussagen über wochenlange Lohnzurückhaltung von Arbeitgebern, Kautionszahlungsn von Beschäftigten für das Privileg eines Firmenjobs, minderjährige ArbeiterInnen, die einen Teil ihres Lohns als Vermittlungsgebühren an Schulen abtreten und Beschäftigte, die sich nachts heimlich aus den Fabrik-Schlafsälen schleichen, weil sie glauben, vom Management keine Erlaubnis zu einer Kündigung zu erhalten. Insofern scheint es sich bei der aktuellen Entwicklung also um einen Fortschritt zu handeln.

Doch ein Schritt ist noch kein Weg. Ob Aldi wirklich seinen Kurs ändert, wird erst die Zukunft zeigen. Wäre es Aldi wirklich an einer Kurskorrektur gelegen, würde das millionenschwere Unternehmen beispielsweise das von ihm unterstützte Unrecht der Vergangenheit wiedergutzumachen versuchen. Davon, dass Aldi beispielsweise gewerkschaftliche Bestrebungen in China oder Indonesien unterstützt, ist allerdings nichts zu hören.

Außerdem steht die BSCI im Verdacht, ein Feigenblatt zu sein. Es handelt sich dabei nämlich um eine Unternehmerinitiative, in der sich so „ehrenwerte“ Firmen wie LIDL, Metro (dazu gehören Real, Extra, Media Markt, Saturn, Galeria Kaufhof), Deichmann, Esprit Deutschland, REWE (dazu gehören Rewe, Penny, nahkauf, toom, ProMarkt) oder OTTO tummeln. Allesamt nicht wirklich bekannt dafür, dass sie sich für eine bessere Welt einsetzen; oft ist sogar das Gegenteil der Fall.

Hinzu kommt, dass die BSCI keine demokratische Teilhabe von Gewerkschaften und Nichtregierungsorganisationen in unabhängigen Kontrollsystemen zulässt. Die BSCI klammert die Hauptverantwortung von multinationalen Unternehmen für soziale Verwerfungen bei ihren Zulieferern durch die Praxis niedriger Preise und kurzer Lieferfristen aus. Folgerichtig fordern unabhängige Initiativen und NGOs, dass Aldi und anderen BSCI-Unternehmen ihre Einkaufspraktiken offen legen und so gestalten, dass die Einhaltung grundlegender Sozialstandards möglich ist. Das ist derzeit nicht der Fall. Außerdem sollten sie Mitglieder in unabhängigen Überprüfungseinrichtungen wie der Fair Wear Foundation werden. Und schließlich treten die CCC und Südwind dafür ein, dass Regierungen multinationale Unternehmen zu einer globalen sozialen Rechenschaft und Haftung gesetzlich verpflichten.

Tchibo beispielsweise ist einen Schritt weiter gegangen als Aldi, Lidl und Co. Tchibo hat, nach zahlreichen Aktionen diverse NGOs, eine eigene Abteilung für Corporate Social Responsibility (CSR = Globale Sozialverantwortung) aufgebaut und Verbesserungsschritte in einzelnen Zulieferfabriken eingeleitet. Auch damit ist das Ziel noch nicht erreicht – doch selbst von einer öffentlichen Position zu CSR ist Aldi noch weit entfernt.

Auch frage ich mich, wie Aldi seine im Werbeblättchen formulierten Standards denn nun umsetzen wird. Der Punkt „Versammlungsfreiheit und das Recht auf Kollektivverhandlungen“ wird beispielsweise bei Aldi selbst in Deutschland nicht erfüllt. Aufgrund der Eigentümerstruktur haben die insgesamt 190.000 Aldi-Beschäftigten (darunter ca. 50.000 in Deutschland) keinen Anspruch auf Gründung eines Konzernbetriebsrats. So prangert Südwind an: Durch die gewerkschaftsfeindliche Politik von Aldi Süd sind dessen Betriebe in Deutschland fast durchweg >>gewerkschafts- und betriebsratsfreie Zonen<<. Angenommen, Aldi würde sich wirklich für Mitarbeiterrechte in Bangladesch, China, Indonesien etc. einsetzen, stellt sich die Frage, ob Sozialstandards an der Grenze zu Deutschland aufhören?

An Aldi gerichtet lautet daher die Kundenreaktion auf den BSCI-Beitritt: ein Schritt in die richtige Richtung, aber ein Weg, der den eigenen Worten gerecht wird („Wir übernehmen Verantwortung“), ist damit noch nicht erkennbar. Also weitergehen!

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